Institut für Philosophie


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Prof. Dr. phil. Sven Walter

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Tel.: +49 541 969-3360
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Forschungsinteressen

Philosophie des Geistes und der Kognition

Die Wissenschaft vom freien Willen: eine kognitionswissenschaftliche Theorie von Freiheit

Die traditionelle philosophische Debatte über die Vereinbarkeit von Freiheit und Determinismus ist für das Freiheitsproblem insofern irrelevant, als die Frage, ob, und wenn ja, in welchem Maß, wir frei sind, für Kompatibilisten und Libertarier gleichermaßen davon abhängt, ob wir über gewisse Fähigkeiten verfügen. Daher ist die Freiheitsfrage in beiden Fällen nur von Philosophie und empirischen Wissenschaften gemeinsam zu beantworten: Erstere muss zeigen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit wir über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen und wir bzw. unsere Entscheidungen und Handlungen frei sind, letztere müssen klären, in welchem Maß diese Bedingungen in konkreten Entscheidungs- und Handlungssituationen erfüllt sind.

Philosophische und empirische Erkenntnisse zusammen sprechen dabei für einen moderaten skeptischen Kompatibilismus: Einen Kompatibilismus, weil wir über die für Freiheit maßgeblichen Fähigkeiten der Kontrolle und normativen Einbettung auch in einer deterministischen Welt verfügen können; einen skeptischen Kompatibilismus, weil sich empirisch zeigt, dass wir diese Fähigkeiten seltener und in geringerem Maß ausüben können, als uneingeschränkte Freiheit es erforderte; und einen moderaten skeptischen Kompatibilismus, weil wir umgekehrt auch nicht völlig unfrei sind – Freiheit ist keine Alles-oder-nichts-Angelegenheit, sondern ein graduelles Phänomen.

Die Kognitionswissenschaft hat jüngst gezeigt, dass viele unserer kognitiven und affektiven Leistungen in dem Sinne situiert sind, dass sie von unserem Körper, unserer Umwelt sowie unserer Interaktion mit ihr abhängen. Eine Synthese mit diesem Forschungsprogramm eröffnet für die Freiheitsdebatte neuartige Perspektiven: Wenn Freiheit an die Ausübung bestimmter Fähigkeiten gebunden ist, die auf komplexen kognitiven und affektiven Leistungen basieren, und wenn diese Leitungen üblicherweise (1.) von unserer körperlichen Verfasstheit (»embodied«) und (2.) von unserer Umwelt abhängig (»embedded«) sind und sich daher unter Umständen (3.) über die Grenzen unseres Körpers hinaus erstrecken (»extended« sind) und (4.) erst in der Interaktion mit der Umwelt entstehen (»enacted« sind), dann hängt auch Freiheit womöglich von unserem Körper, unserer natürlichen und sozialen Umwelt und unserer Interaktion damit ab und lässt sich in diesem Fall z.B. durch eine entsprechende Manipulation dieser Faktoren steigern.

Dieser auf einem konstruktiven Austausch von Philosophie und Kognitionswissenschaft basierende Ansatz stellt eine oft ergebnislos diskutierte philosophische Debatte auf eine solide empirische Basis und trägt so dazu bei, einen Ausweg aus der fruchtlosen Sackgasse zu finden, in die sich Philosophie und empirische Wissenschaften in der Freiheitsdebatte während der letzten Jahre manövriert haben.

Situierte Affektivität
Der Ausdruck ‚Kognition‘ war lange für jene informationsverarbeitenden Prozesse reserviert, die den Fähigkeiten zum abstrakten Denken, Schlussfolgern und Erkennen zugrunde liegen und wurde daher mit den Begriffen ‚Emotion‘ und ‚Motivation‘ kontrastiert. Eine solche strikte Gegenüberstellung von Kognition einerseits und Emotion sowie Motivation andererseits ist allerdings ebenso überholt wie die sich daraus ergebende Tendenz der frühen Kognitionswissenschaft, sich vornehmlich mit den subpersonalen Mechanismen von kognitiven Leistungen wie Planen, Problemlösen, Erinnern oder Lernen zu beschäftigen, affektive und konative Phänomene hingegen zu ignorieren: Als immer schon nicht nur denkende, sondern stets auch empfindende, wollende und wertende Wesen bewegen wir uns zu keiner Zeit in einem emotions- und motivationsfreien Raum reinen Denkens. Eine ausschließliche Beschäftigung mit kognitiven Prozessen kann folglich niemals ein vollständiges und angemessenes Bild des Menschen zeichnen. Der Kognitionswissenschaft und der Philosophie darf es daher nicht nur um ein Verständnis von Kognition gehen. Anzustreben ist vielmehr ein umfassendes Verständnis von Emotion und Motivation und ihrem Verhältnis zu Kognition. Gegenstand dieses Projekts ist insbesondere das Verhältnis von Emotion und Kognition. Sein Ziel ist die Untersuchung der Möglichkeiten und Grenzen sowie die inhaltliche Ausgestaltung eines neuen Forschungsprogramms, das wir jüngst als ‚situierte Affektivität‘ bezeichnet haben.

Die derzeitige Popularität sogenannter situierter Ansätze in der Kognitionswissenschaft, die in Kognition etwas sehen, das wesentlich von unserem Körper und unserer interaktiven Einbettung in die natürliche, technische und soziale Umwelt abhängt, sowie die zentrale Rolle, die dem Kognitiven in vielen Emotionstheorien zukommt, drängen die Frage auf, ob nicht auch in Bezug auf affektive Phänomene im Allgemeinen ein vergleichbarer Trend weg von ,gehirnzentrierten‘ Ansätzen und hin zu einer Einbeziehung von Körper, Umwelt und deren Interaktion überfällig ist. Das Resultat wäre eine Theorie situierter Affektivität, die einen Individualismus in Bezug auf Emotionen hinter sich lässt und anerkennt, dass zumindest einige affektive Phänomene nicht bloß der passive äußere Ausdruck der inneren Bewertung eines Umweltereignisses sind, sondern erst im Zuge der aktiven und reziproken Interaktion mit der Umwelt entstehen und sich als affektive Phänomene eines bestimmten Typs auskonkretisieren bzw. überhaupt nur als Zustände von sozialen Kollektiven verstehbar sind