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"... sich und die Dinge umzuwälzen"

200 Jahre Karl Marx

Tagung in Osnabrück am 25. Mai 2018

In seinen Schriften unterzieht Karl Marx (1818-1883) die bürgerliche Gesellschaft einer radikalen Kritik. Ein entscheidender Punkt ist hierbei, dass es für ihn nicht bei der bloßen Analyse der Verhältnisse bleiben darf, sondern dass die Theorie letzlich auf eine Veränderung abzielen muss. Philosophisches Denken kann sich erst dann als gehaltvoll erweisen, wenn es sich im Bund mit einer realen revolutionären Praxis weiß.

Marx hat deshalb die sozialen Bewegungen seiner Zeit aufmerksam verfolgt. In zahlreichen journalistischen Arbeiten hat er ihren Weg kommentiert, stets beseelt von der Erwartung, sie mögen das politische Beben auslösen, das die bürgerliche Ordnung zum Einsturz bringt.

Anders in seinem theoretischen Hauptwerk Das Kapital. Hier zeigt Marx, in welchem Ausmaß die Prinzipien der kapitalistischen Warenwirtschaft mittlerweile in die Gesellschaft und in die Existenz des Einzelnen eingewandert sind und wie hoch folglich die Messlatte für eine Veränderung zu legen ist. Eine wirkliche Umwälzung der Verhältnisse - im Unterschied zum bloßen Austausch der Passade - wird zu einem problemin historischen Dimensionen.

Es zeichnet sich ein Dilemma ab: Hoffnung auf den Umsturz einerseits, Einsicht in die fortwährende Reproduktion des Kapitalismus andererseits. Für die Tagung ergibt sich daraus die Leitfrage, was Marx eigentlich war: Philosoph oder Revolutionär?

 

Ablaufplan

09.15 Uhr
Nikola Kompa (Osnabrück)
Begrüßung

09.30 Uhr
Simon Geest, Irina Kiknadze, Michael Micke, Micha Keiten, Armin Egger
(Studierende der Universität Osnabrück)
Erläuterungen zu Grundbegriffen der Marxschen Theorie:
Ware, Arbeit, Kapital, Ideologie, Kritik

10.00 Uhr
Anna-Sophie Schönfelder (Osnabrück/Hamburg)
Die Revolution und ihre Niederlagen bei Marx

11.15 Uhr
Kaffeepause

11.45 Uhr
Christian Lavagno (Osnabrück/Bremen)
Was verkauft der Bäcker?
Zur Differenz von Brot und Brotware -
und zum Fetischbegriff bei Marx

12.30 Uhr
Podiumsdiskussion
Karl Marx - Philosoph oder Revolutionär?
Teilnehmende:
Susanne Boshammer (Moderation)
Kurt Bayertz (Münster)
Anna-Sophie Schönfelder
Christian Lavagno

13.30 Uhr
Ende der Tagung

 

Anna-Sophie Schönfelder

Die Revolution und ihre Niederlagen bei Marx

Die Revolution hat in Marx' Denken den Stellenwert des einen notwendigen Wendepunkts in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft, an dem mit Klassenherrschaft und Kapitalverwertung Schluss gemacht werden soll. Zugleich beobachtet Marx als Zeitgenosse verschiedene revolutionäre Versuche in Europa und analysiert deren Ziele, Vorgehen und Resultate.

Im Vortrag wird die Entwicklung seiner Perspektive auf die Revolution nachgezeichnet: vom im Manifest der kommunistischen Partei für unausweichlich erklärten revolutionären Fortschritt, über die ernüchterte Bilanz des Scheiterns der Revolution von 1848/49 und der zweiten französischen Republik im 18. Brumaire des Louis Bonaparte, bis zur Internationalisierung der Revolutionserwartung in den Zeitungsartikeln der nachrevolutionären Dekade.

Obwohl diese politischen Erfahrungen die Erwägungen zu politischen Bündnissen und Strategien verändern und die vormalige revolutionstheoretische Gewissheit schwächen, hält Marx am Gedanken der Notwendigkeit einer Revolution fest. Dass er seit den 1840er Jahren fortwährend mit sozialistischen und revolutionären Bewegungen in Berührung steht, bleibt erkenntnisleitend auch für die Ausarbeitung seiner Kritik der politischen Ökonomie.

 

Anna-Sophie Schönfelder, M.A., ist Lehrbeauftragte für politische Theorie an der Universität Hamburg und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Marx und die ‚Kritik im Handgemenge‘“ an der Universität Osnabrück.

 

Christian Lavagno

Was verkauft der Bäcker?
Zur Differenz von Brot und Brotware - und zum Fetischbegriff bei Marx

Jede Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und jede Veränderungsabsicht greift zu kurz, wenn sie die kapitalistische Ontologie nicht an ihrer Wurzel packt, nämlich an der Verwandlung von Gütern in Waren.

Marx zeigt im Kapital detailliert auf, warum in einer Waren produzierenden Gesellschaft die Beziehungen der Menschen untereinander geradezu verhext sind, ebenso ihre Beziehungen zu den Dingen. Er spricht anschaulich vom Fetischcharakter der Ware: es kommt uns wie eine Natureigenschaft vor, dass Dinge einen Wert haben, und es erscheint uns unabänderlich, dass wir nur durch Tausch den Besitz lebensnotwendiger Güter erlangen können, folglich unsere Arbeitskraft gegen Lohn verkaufen müssen etc. In Wirklichkeit ist all dies aber gesellschaftlich gemacht, so dass wir dem Fetischcharakter erliegen, wenn wir es für unveränderbar halten.

Freilich ergeben sich daraus Konsequenzen für den Begriff der Revolution: ein Umsturz könnte sich nicht damit begnügen, die gesellschaftlichen Eliten auszutauschen, er müsste das ökonomische System als solches betreffen. Eine wirkliche Veränderung wäre erst dann erreicht, wenn wir beim Bäcker wieder Brot bekommen, nicht Brotware.

 

apl. Prof. Dr. Christian Lavagno lehrt Philosophie an der Universität Osnabrück mit dem Schwerpunkt Kultur- und Sozialphilosophie.

 

Veranstaltungsort

Universitätsbibliothek
Zimeliensaal (09/114)
Alte Münze 16
Osnabrück

Veranstalter

Institut für Philosophie
Prof. Dr. Nikola Kompa
Prof. Dr. Susanne Boshammer
apl. Prof. Dr. Christian Lavagno